Freikirchen

Versammlung der Puritaner, Alessandro Magnasco

Durch den Anspruch, den einzig wahren Glauben zu vertreten, dies aber im Zeichen der Konkurrenz unter blutigen Auseinandersetzungen tun zu müssen, entwickelten die drei Konfessionen (-->Bekenntniskirchen) sich zu Zwangsanstalten, die jedem Gläubigen ein öffentliches Bekenntnis und durch kirchliche Kontrolle („Kirchenzucht“) eine entsprechende Lebensführung abverlangten. Dagegen entstanden vielfältige Oppositionsbewegungen innerhalb wie außerhalb der Konfessionskirchen: im kontinentalen Protestantismus des 16. Jahrhunderts z.B. die als „Schwärmer“ oder „Spiritualisten“ Verketzerten, die Täufer, Mennoniten und Hutterer, im 17. Jahrhundert die Pietisten; in England die Puritaner; im Katholizismus die Jansenisten. Gemeinsam war ihnen, dass sie jede Art von Bekenntniszwang ablehnten. Zwar forderten auch sie die Verinnerlichung des Glaubens und dessen konsequente Umsetzung in die Lebensführung, doch sollte dies ausschließlich Sache des einzelnen Gläubigen sein. Die Abkehr von Bekenntniszwang, Kirchenzucht, Staatskirchentum und dogmatischen Festlegungen führte zu einem neuen Kirchenbegriff, der auf dem bewussten und freiwilligen Zusammenschluss beruhte. Diese Freiwilligkeitskirchen bezeichnet man als „Freikirchen“ oder „Sekten“.

Für den Kirchenhistoriker Ernst Troeltsch und den Religionssoziologen Max Weber gehörten die Bekenntniskirchen als Zwangsanstalten zur mittelalterlichen Welt. Erst die Freikirchen hätten den Schritt zur vollständigen Individuierung der Religion vollzogen und damit den Umbruch in die Moderne. Zudem sah Weber in den protestantischen Freikirchen eine Grundhaltung persönlichen Auserwähltheitsglaubens, individueller Selbstverantwortung und Askese eingeübt, die für den Durchbruch des Kapitalismus entscheidend gewesen sei – was wie Webers Protestantismus-These insgesamt in der Forschung umstritten ist.

 


Literatur

GOERTZ, Hans-Jürgen: Religiöse Bewegungen in der Frühen Neuzeit (= Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 20). München 1993. verfügbar UB Paderborn

   

TROELTSCH, Ernst: Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt. In: Historische Zeitschrift 97 (1906), S. 1–66.

 

Auch separat:  TROELTSCH, Ernst: Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt (=Historische Bibliothek. 24). 2. erw. Aufl. München, Berlin 1911.

Maßgeblich ediert jetzt in: TROELTSCH, Ernst : Schriften zur Bedeutung des Protestantismus für die moderne Welt (1906–1913). Hrsg. v. Trutz Rendtorff  und Stefan Paulter (=Kritische Gesamtausgabe, Bd. 8). Berlin, New York 2001, S. 183–316.

verfügbar UB Paderborn

verfügbar Online

verfügbar UB Paderborn

 

verfügbar UB Paderborn

 

 
WEBER, Max: Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus. In: ders.: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1. Tübingen 1988, S. 207–236. verfügbar UB Paderborn

 


Zitation:

MEHLICH, Michaela: Freikirchen. In: PaderQuellen – Paderborner Forum Geschichtsunterricht  (Stand12.11.2012), online unter: <<http://www.paderquellen.de/texte/freikirchen/>http://www.paderquellen.de/texte/freikirchen/>.