Richard BURCHETT (1841–1863): Thomas Morus und Erasmus von Rotterdam besuchen die Kinder Heinrichs VII und überreichen dem Kronprinzen Heinrich ein Geschenk (Ölgemälde, Standort: Westminster Hall). Erasmus von Rotterdam und Thomas Morus zählten zu den wichtigsten Vertretern der Gelehrtenrepublik.Gelehrtenrepublik

Als Gelehrtenrepublik (Res Publica Litteraria) bezeichneten zunächst die Humanisten des 16. Jahrhunderts die Idee einer Vergemeinschaftung von Literaten. Mit Fortschreiten der Frühen Neuzeit gewann diese Idee immer mehr Anhänger unter Schriftstellern, Wissenschaftlern und Künstlern. Erasmus von Rotterdam sieht in dem Aufkommen der Reformation das Ende der Gelehrtenrepublik („ubi regnat Lutheranismus. Ibi interitus litterarum.“) Trotz dieser düsteren Vorhersage hält sich die Vorstellung einer innerweltlichen (also nicht theologisch-konfessionell gebundenen), lateinischsprachigen, kosmopolitischen (also von Volkssprachen und landespolitischen Loyalitäten unabhängigen) und republikanisch-egalitären (also nicht durch Standesschranken beschränkten) Gemeinschaft bis in das 18. Jahrhundert und findet sich u.a. in den politischen Ideen der Aufklärung und des Vormärz eine Fortsetzung. Der Zugang zur Res Publica Litteraria sollte allein auf der Beherrschung der „litterae“, also des lateinischen Ausdrucks und der dafür erforderlichen lateinischen Bildung beruhen. Sie zeigte sich auf Reisen (bei denen der Gelehrte auf andere Gelehrte traf), in stark stilisierten Gesprächen (Colloquia) und im brieflichen Verkehr (daher im Englischen „Republic of Letters“). Für den Gelehrten sollte die persönliche Leistung anstelle von Macht, Geld, Vorrechten und Autorität treten. Die Gelehrtenrepublik war somit geistesaristokratisch ausgerichtet. Sie war, wie alle Beteiligten wussten, eine wirksame Fiktion, die den wirklichen Verhältnissen entgegengesetzt war. Die Fiktion war erfolgreich, denn in dem Maße, in dem sich die Beteiligten auf sie einließen und nach ihren Regeln handelten, eroberten sie sich Freiräume quer zu den Beschränkungen durch die Wirklichkeit.


Literatur

HAMMERSTEIN, Notker, Ulrich MUHLACK und Gerrit WALTHER: Res publica litteraria. Ausgewählte Aufsätze zur frühneuzeitlichen Bildungs-, Wissenschafts- und Universitätsgeschichte. (Historische Forschungen, Bd. 69.) Berlin 2000 verfügbar UB Paderborn
   
NEUMEISTER, Sebastian (Hrsg.): Res publica litteraria. Die Institutionen der Gelehrsamkeit in der frühen Neuzeit (Vorträge und Referate gehalten anläßlich des 5. Jahrestreffens des Internationalen Arbeitskreises für Barockliteratur, 5.) Wiesbaden 1987. verfügbar UB Paderborn

Zitation:

WESSEL, Katrin: Gelehrtenrepublik. In: PaderQuellen – Paderborner Forum Geschichtsunterricht (Stand 12.11.2012), online unter: <<http://www.paderquellen.de/texte/gelehrtenrepublik/>http://www.paderquellen.de/texte/gelehrtenrepublik/>.