Staatsräson

Santi di TITO: Portrait von Niccolò Machiavelli (16. Jhd) (Öl auf Leinwand, Standort: Palaz-zo Vecchio, Florenz). Machiavelli gilt als einer der wichtigsten Verfechter des Prinzips der Staatsräson.

Der Ausdruck « ragion di stato » wurde 1526 von dem Florentiner Francesco Guicciardini geprägt und zwei Generationen später durch den Jesuiten Giovanni Botero verbreitet. Botero bezeichnet den Staat als eine „auf Dauer gestellte Herrschaft über ein Volk“ und die Staatsräson als „Kenntnis der Mittel, die zur Gründung, Erhaltung und Erweiterung dieser Herrschaft vonnöten sind.“ Mit anderen Worten: Staatsräson ist das Streben nach Aufrechterhaltung der politischen Ordnung.

Erforderlich erschien ein solches Streben, weil die politische Ordnung im Italien der Renaissance ihre religiöse und traditionale Rechtfertigung verloren hatte. Herrschaft war illegitim geworden und dadurch unselbstverständlich. Es bedurfte nun einer unaufhörlichen Anstrengung, um sie zu bewahren: der Selbstbehauptung nach innen wie nach außen. Diese Aufgabe wurde zum Thema der politischen Denker. Machiavelli umschreibt sie mit der Formulierung « mantenere lo stato », die Verfassung aufrechterhalten’ (Il Principe, Kap. XVIII u.ö.). Insofern ist die Staatsräson nicht dem Begriff, aber der Sache nach auch bei ihm schon Gegenstand. Durch die europäische Rezeption der italienischen Renaissance-Kultur fand der Begriff Eingang ins Englische und Französische (z.B. in die Denkschriften Richelieus), von wo aus er im 17. Jahrhundert als Fremdwort ins Deutsche übernommen wurde.

Seit der Renaissance galt die Staatsräson als eine Notwendigkeit, der von den politischen Denkern der Vorrang vor allen anderen Handlungsprinzipien eingeräumt wurde – einschließlich der Religion und der Moral. Falls erforderlich, müsse der Herrscher tun, was die politische Ordnung erhält, nicht, was Religion und Moral gebieten, unter Umständen also auch sich verstellen, Verträge brechen, Menschen ermorden. Diese Pointe machte die Staatsräson für Theologen und Moralphilosophen zu einem bekämpfenswerten Begriff. Staatsmänner und politische Denker dagegen fanden darin einen Ansatz für die Emanzipation der Politik von der Religion. Deshalb wurden die Staatsräson-Lehren zu einem zentralen Mittel der Entkonfessionalisierung.


Quellen

BOTERO, Giovanni: Della Ragion di Stato Libri Dieci. Venedig 1589. (Online Edition)
Kritische Ausgabe: Bearb. v. Chiara Continisio (=Biblioteca. 23). Rom 1997.

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GUICCIARDINI, Francesco: Dialogo del Reggimento di Firenze. In: Ders.: Opere. Bearb. v. Emanuella Lugnani Scarano, Bd. 1: Storie fiorentine. Dialogo del reggimento di Firenze (= Classici Italiani. 18). Turin 1983.

 Englisch u.d.T.: Dialogue on the Government of Florence. Bearb. und übersetzt v. Alison Brown (=Cambridge Texts in the History of Political Thought). Cambridge 2002.

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MACHIAVELLI, Niccolò: Il Principe. Der Fürst. Italienisch/Deutsch. Übersetzt und hrsg. v. Rudolph Zorn. 3. Auflage, Stuttgart 1963.

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Literatur

BOLDT, Hans; Werner CONZE; Görg HAVERKATE et al.: Art. Staat und Souveränität. In:Otto Bruner, Werner Conze und Reinhard Koselleck (Hgg): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 6. Stuttgart 1990, S. 1–154.

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SCHNUR, Roman: Staatsräson. Studien zur Geschichte eines politischen Begriffs. Berlin 1975.

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Zitation

MEHLICH, Michaela: Staatsräson. In: PaderQuellen – Paderborner Forum Geschichtsunterricht  (Stand12.11.2012), online unter: <<http://www.paderquellen.de/texte/staatsraeson/>http://www.paderquellen.de/texte/staatsraeson/>.